Transit
2015 - 2018


Nach »Phänomen Expressionismus« (2009-2012) und »Impuls Romantik« (2012-2015) ist »Transit« (2015-2018) der dritte vom Kulturfonds initiierte Themenschwerpunkt. Ausgehend von Frankfurt-Rhein-Main als Transitregion wurde der Begriff in den letzten Monaten inhaltlich erarbeitet: Insgesamt rund 80 Kulturschaffende in wechselnden Zusammensetzungen besuchten die Auftaktveranstaltung und fünf Workshops zum Thema »Transit«.Der Begriff Transit ist einerseits eng mit der Frankfurt-Rhein-Main-Region und ihren kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Besonderheiten verbunden, lässt aber andererseits auch Raum für die Entwicklung vielfältiger künstlerischer Projekte. Und er strahlt in mehrere Richtungen aus: in eine philosophische, eine theologische eine soziologische, eine kulturgeografische, eine migrationspolitische, eine urbanistische, eine kunstästhetische, eine medientheoretische...die Reihe der Disziplinen ließe sich beliebig fortsetzen. Idealerweise bilden diese Zugangsweisen die Basis für eine künstlerische Ausformung in Form von Projekten in allen Sparten. Eine besondere Rolle spielen dabei bildliche Transiträume, Orte, an denen Transitsituationen real stattfinden, in Flughäfen, an Bahnhöfen, auf Flüssen. Transit kann sich aber auch auf verschiedenen Ebenen entfalten: zwischen Mensch und Natur, Mensch und Maschine, Stadt und Land, zwischen den Medien, den Künsten und den künstlerischen Techniken.Nach einer Gesprächsrunde Anfang 2014 haben Kulturschaffende aus Frankfurt und dem gesamten Rhein-Main-Gebiet die thematische Vorgabe im Lauf des Jahres in gemeinsamen Veranstaltungen weiter entwickelt. Basis dafür waren Impulsvorträge von fünf herausragenden Wissenschaftler/innen. Ausgangspunkt ist das Spannungsfeld zwischen Verortung und Verortungsverzicht, Zuwanderung oder Vertreibung, die allgemeine polare Dimensionen der menschlichen Existenz ebenso bestimmen wie der künstlerischen Produktion (Tilman Allert). Migrationsbewegungen, die das gesellschaftliche Leben nicht nur in Deutschland bestimmen, müssen konsequenterweise adäquate multiperspektivische Narrationen von Kultur nach sich ziehen (Mark Terkessidis). Modelle des „Trans“ im Sinne eines technischen „Darüber hinaus“ am menschlichen Körper bildet eine besondere Ausformung des Transitorischen (Karin Harrasser). Entgrenzungsbewegungen zwischen den Künsten und zwischen Kunst und Nicht-Kunst eine weitere (Juliane Rebentisch). Künstlerische Projekt im urbanen oder regionalen Raum können die Schnittstelle zur Sozialarbeit berühren und werden damit transdiziplinär (Gesa Ziemer). 

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Workshop mit Prof. Dr. Tilman Allert | 25. Juni 2014Tilman Allert ist Professor für Soziologie und Sozialpsychologie mit Schwerpunkt auf der Bildungssoziologie. Er hat einen Lehrstuhl am Institut für Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt.ZusammenfassungVerortung und Verortungsverzicht, gewollt oder ungewollt, Zuwanderung oder Vertreibung, bestimmen allgemeine polare Dimensionen der menschlichen Existenz, sie regen zu unterschiedlichen Formen der Selbstauffassung und Gemeinschaftsbildung an, bestimmen das Verhältnis der Menschen zu Fremden. Erst recht lassen sie Ausdrucksformen der ästhetischen Verarbeitung entstehen, die Wechsel und Tempodruck artikulieren oder gerade Drosselung und Kontaktschließung. Eine moderne Metropolregion wie Frankfurt RheinMain aggregiert diese Dimensionen, treibt sie in einen scharfen Gegensatz oder löst sie bis zur Unkenntlichkeit ineinander auf, so dass diesseits der Siedlungsformen und politischen Institutionen wie auch der Milieus Wanderschaft und das Unterwegssein zur Signatur eines regions-spezifischen Soziotops avancieren.DiskussionDas Begriffsfeld Transit ist ein sehr offenes. Im Workshop erschließen die Teilnehmer/innen die Vieldimensionalität des Begriffs und konkretisieren sie im Hinblick auf mögliche eigene programmatische Akzentsetzungen. In den meisten Künsten sind Verlust und Wiedergewinn von Verortung ständig präsent. Wie kann man Phänomene des temporären Wohnens künstlerisch verwerten? Wie lässt sich in Bezug auf die Arbeitsrealität zeitgenössischer Kunstschaffender einerseits dem Transit als prägender Dynamik gerecht werden (wechselnde Arbeitskonstellationen, Wandel zwischen den Disziplinen/Sparten, Wechsel der Arbeitsorte, Wechsel zwischen Arbeitskontexten usw.)? Wie können andererseits den Künstler/innen gleichzeitig nachhaltige Arbeits- und Förderstrukturen angeboten werden? Diese Fragen werden von den Teilnehmer/innen kontrovers diskutiert. Die ästhetische Verortung in den Künsten erzwingt das Durchbrechen der Spartengrenzen bzw. die Auflösung der Sparten an ihren Rändern. Der transitorische Charakter von Kunst ist nach Potentialen und Schwierigkeiten zwischen der Emphase des Transitorischen und dem Insistieren auf Nachhaltigkeit von künstlerischen Arbeitsformen und Strukturen zu sehen. Transit als Lebensgefühl zwischen negativem Assoziationsraum von Vereinzelung und sozialer Kälte und der positiven Konnotation als Reibungsfläche kann ein künstlerischer Impuls sein. Die ästhetische Bedeutung von Aggregatzuständen der Behausung: Zelt - Hütte – Haus kommt ins Spiel. Transit kann Konkretion in einem Projekt erfahren, das die Idee in unsere Zeit übersetzt, z.B. als fahrende Bühne oder in Form von sich am Main entlang bewegenden Performances.
Workshop mit Prof. Dr. Karin Harrasser | 16. Dezember 2014Karin Harrasser ist Kultur- und Medientheoretikerin; als Professorin an der Kunstuniversität Linz forscht und lehrt sie unter anderem zu Körper-, Selbst- und Medientechniken, Populärkultur und Science Fiction.ZusammenfassungDas Nachdenken über Körper und Technik ist überaus anfällig für Modelle des „Trans“, im Sinne des „Darüber hinaus“: Populärkulturelle wie philosophische Mensch-Maschine-Erzählungen ranken sich gerne ornamental an einer angeblichen Aufstiegslinie von Reparatur zur Verbesserung entlang. Besonders augenfällig wird dies unter anderem im Kontext des technisierten Behindertensports, wo der Fall Oscar Pistorius in den letzten Jahren Furore machte. Seine Prothesen wurden (zunächst) als leistungssteigernd eingestuft, bevor ihm mittels Ausnahmeregelung erlaubt wurde, an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Daran knüpfte eine Kampagne zu den Paralympics 2012 an, die die AthletInnen als „Superhumans“ darstellt. Damit bewegt sich die Diskussion im Feld des „Transhumanismus“, einer technoaffinen Strömung, die sich explizit die rationale Verbesserung des Menschen wünscht. Demgegenüber sollen Modelle von Mensch-Maschine-Kooperationen diskutiert werden, denen nicht schon ein Telos des „Trans“ eingeschrieben ist, sondern die auf Parahumanität und Verwicklung setzen.DiskussionKarin Harrasser und die Teilnehmer/innen diskutieren die medizinische Prothesentechnologie als morphologische Weiterentwicklung des Menschen, der aus Behinderungen „Superhumans“ macht. Gerade Menschen mit Behinderungen sind mit ihrem wertvollen Technik-Erfahrungsschatz prädestiniert für die Prothetik. Der Transhumanismus am Beispiel von Pistorius und den Paralympics 2012 erzählt von einer Unvermeidbarkeit der technischen Überarbeitbarkeit. Wir alle leben mit Technologien. Sie tragen ein Skript in sich, ermöglichen und verunmöglichen Dinge. Eine Analyse der Technologien ist jedoch wichtig. Karin Harasser formuliert ein Misstrauen gegenüber der Idee, den Humanismus überstanden zu haben. Die entscheidende Frage ist, wie man in technisierten Situationen adäquate Entscheidungen treffen kann. Jede neue Kommunikationsform trägt Risiken in sich. Die Artikulation von Unbehagen wird meist getilgt. Menschen sind sehr imaginationsfähig, dies ist eine anthropologische Grundkonstante. Imaginationsfähigkeit greift auch bei Technologien. Diese werden nicht unbedingt nach Notwenigkeit beurteilt, sondern sind Teil eines Imaginationsspiels. Überdies zeigen Untersuchungen von Anthropologien der Technik, dass die ersten Werkzeuge fast immer mit magischen Praktiken zusammen kamen, wohl wissend, wie schnell sich die Dinge selbstständig machen. Technologien als Notwendigkeit im Sinne eines „Um-zu“ zu verstehen, als Werkzeuge, geht im Alltag oft verloren.
Workshop mit Prof. Dr. Juliane Rebentisch | 3. November 2014Juliane Rebentisch ist Professorin für Philosophie und Ästhetik an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach.ZusammenfassungJuliane Rebentisch liest die Entgrenzungsbewegungen der Kunst als künstlerische Transitbewegungen: 1. zwischen den Künsten, 2. zwischen Kunst und Nicht-Kunst.DiskussionDie Diskussion um den Transit zwischen den Künsten ist verflochten mit dem Begriff der ästhetischen Autonomie. Die Kunsttheorie der 50-er und 60-er Jahre tritt nicht für Entgrenzungsbewegungen ein. Der Kunsttheoretiker Clement Greenberg etwa betont, die künstlerischen Darstellungsmittel seien medienspezifisch und je nach Kunstgattung zu unterscheiden. Juliane Rebentisch erläutert auch Adornos Theorie der Verfransung: DieFransen der Teppiche verfransen sich, das heißt die verschiedenen Künste überlagern sich, ohne ihre Kunstgattung, den Teppich selbst aufzulösen. Insofern kritisiere Adorno das Gesamtkunstwerk als falsche Einheit. Im einheitlichen Ausdruck würden die einzelnen Künste unterdrückt. Die Künste würden aufgrund ihrer Arbeitsteilung nicht ganzheitlich ausgebildet. Materialgerechtigkeit könne es nur geben, wo man sich auf eine Kunst konzentriere. Im Zuge des Paradigmenwechsels zu einer ästhetischen Autonomie der Kunst verschiebt sich zum Beispiel die Bewertung des Ausstellungsraumes. Der Raum ist nicht mehr „neutraler Behälter“, sondern wird zum wichtigen Parameter. Die Museumsarchitektur tritt neben/vor die Kunst. Zuweilen wird dezidiert ein Dialog zwischen Museen und Kunst inszeniert (Beispiele: Thomas Demand „Phototrophy“, Kunsthaus Bregenz 2004; Esther Stocker „Utopie Gesamtkunstwerk“, 21er Haus Wien, 2012). Eine besondere Thematisierung des Raumes findet sich auch in der Festivalkultur, in performativen und installativen Formaten im Theater. Ein wichtiger Bestandteil der Interdisziplinarität zwischen den Künsten ist die Förderpolitik, etwa in Querfinanzierungsmodellen (wie beispielweise bei den Arbeiten von Harun Farocki. Interdisziplinarität und Kollaborationen werden zudem auch durch die Projektförderung in staatlichen Institutionen unterstützt. Readymade und Conceptual Art fragen hingegen direkt, was Kunst sei und thematisieren somit die Entgrenzung der Kunst zur Nicht-Kunst. Diese ist vor allem dort zu diskutieren, wo politische Strukturen als Medium der Kunst gelten oder die sozialen Implikationen von Kunst expliziert werden (z.B. Santiago Sierras „7 forms“). Diskutiert wird die Frage, ob Kunst im Transit zwischen Kunst und Welt eine Teilhabe der Kunstrezipienten beinhaltet. Juliane Rebentisch hebt hervor, dass eine Teilhabe in diesem Zusammenhang insofern festzumachen ist, als eine reflexive Einstellung zwischen Zuschauern, moralischem Handeln und Partizipation als Frage/als Problem und als Lösung auszumachen ist. Wo politische Strukturen als Medium der Kunst eingesetzt werden, wird Reflexivität erzeugt. Grenzgänge zwischen Kunst und Leben bedeuten keine Aufhebung dieser Grenze, sondern unterstreichen eine Paradoxie, die alle welthaltige Kunst durchzieht: ein Bewusstsein, dass das Gesehene und Gehörte vermittelt und Kunst ist.
Workshop mit Dr. Mark Terkessidis | 9. September 2014Mark Terkessidis ist Journalist, Autor und Migrationsforscher. Seine Themenschwerpunkte sind Jugend- und Popkultur, Migration und Rassismus.ZusammenfassungTransit hatte in der Bundesrepublik lange Zeit zwei Bedeutungen: Es war der Name einer Autobahn durch die DDR und der Name eines Kleintransporters der Firma Ford. Heute leben wir in einer Gesellschaft, in der diese beiden Bedeutungen immer noch eine große Rolle spielen. Obwohl das selten so gesehen wurde, ist Deutschland seit der Wiedervereinigung auch ein postkommunistisches „country of transition“ - enorme Unterschiede, sogar Verwerfungen durchziehen die Bevölkerung. Der Ford Transit wiederum wurde lange Zeit mit den „Gastarbeitern“ identifiziert, mit dem Hin- und Her zwischen verschiedenen Ländern und Kontexten - „Transit Migration“ hieß eine große Ausstellung zur Geschichte der Einwanderung in Köln. Heute haben in einer Stadt wie Frankfurt fast 70% der Unter-Sechsjährigen einen Migrationshintergrund, die Gesellschaft ist fundamental „postmigrantisch“ und transnational. Personen leben an mehreren Orten zugleich. Und die Migration hat nicht aufgehört: Gerade Frankfurt ist traditionell eine „Transitregion“. Welche Rolle spielen diese Veränderungen für einen Kulturbetrieb, der implizit oft genug noch national ausgerichtet ist? Was wäre ein Programm, eine Sammlung, ein kuratorischer Prozess im Transit?DiskussionGegen eine feste kulturelle Größe im Sinne einer Leitkultur schlägt Mark Terkessidis vor, den Begriff der Identifikation zu verwerfen und alternativ den Begriff des Transits zu setzen. Transit begründet eine Figur des Suchenden. Ein weiterer Aspekt zielt auf die Frage, wann Bewegung als Transit zu bezeichnen ist. Transit meint nicht das Zurücklassen von etwas, sondern permanente Metamorphose. Mark Terkessidis zeigt Frank Gehrys tanzende Häuser im Düsseldorfer Medienhafen als ein Beispiel gebauten Transits. Überdies markiert er neutrale Orte, die keine Insignien der eigenen Kultur tragen als Treffpunkte für Migrant/ innen. So sind in Frankfurt der Bahnhof oder Orte wie McDonalds beliebt, weil sie keinen Hinweis auf das Herkunftsland geben, sondern überall gleich aussehen. Die historische Dimension von Transit wird angesprochen und darauf verwiesen, dass Mobilität immer schon eine anthropologische Konstante gewesen ist. Auf den Wunsch nach Sesshaftwerden, Selbstvergewisserung und Beheimatung wird hingewiesen. Das Transitorische ist grundsätzlich anthropologisch fassbar, auch der Wunsch nach Beheimatung, zugleich existiert Heimat als feste Größe jedoch nicht. In der Flüchtlingspolitik ist ein bewusstes Im-Transit-Halten der Flüchtlinge ein bequemer Zustand. Auf die Aktualität von Anna Seghers Roman „Transit“ wird in der Diskussion hingewiesen. Für den Kulturbereich wird empfohlen, das Intendantenmodell durch ein Ratssystem zu ersetzen, um die Soziokulturalität der Bevölkerung zu ersetzen. Die Idee, mit education-Programmen Menschen der Unterschicht durch kulturelle Bildung zu erreichen, ist vermessen. Diejenigen, die durch education-Programme erreicht werden sollen, haben bereits eine Kultur. Der Konservatismus von Kulturbetrieben übergeht oft die Ästhetik etwa der Jugendlichen. Das Vermitteln von Kultur durch Vermittler/innen ist keine sinnvolle Einrichtung, Vermittlung sollte vielmehr bereits Bestandteil des kuratorischen Prozesses sein. Multiperspektivische Narrationen von Kultur entstehen ebenfalls nicht durch Vermittlung, sondern nur durch Austausch. Diskutiert wird die Problematik von Programmen, die gezielt „Minderheiten“ ansprechen ebenso wie der Auftrag einer Traditionsbildung als wichtiges Instrument gegenüber der Zersplitterung kultureller Angebote.
Workshop mit Prof. Dr. Gesa Ziemer | 6. Oktober 2014Gesa Ziemer ist Professorin für Kulturtheorie und kulturelle Praxis (Studienbereich Kultur der Metropole) und Vizepräsidentin Forschung an der HafenCity Universität Hamburg. Sie ist Initiatorin zahlreicher interdisziplinärer künstlerischer Projekte.ZusammenfassungKunst findet heute häufig nicht mehr in den traditionellen Räumen der Kunst wie beispielsweise Theater, Museen oder Kinos statt, sondern agiert an den Schnittstellen zum Urbanen, Sozialen oder der Bildung. Sie berührt damit oft auch Fragen der Stadtentwicklung wie beispielsweise Partizipation, Aufwertung oder Raumverständnis. Wie kann Kunst und Planung sinnvoll miteinander agieren? Wie kann ein Transit zwischen beiden Disziplinen hergestellt werden? Anhand von einigen theoretischen Überlegungen und gelungenen und gescheiterten Beispielen dieser Begegnung soll diese Frage diskutiert werden.DiskussionGesa Ziemer und die Teilnehmer/innen diskutieren den Themenkomplex Transit im Zusammenhang mit dem Begriff der „Transdisziplinarität“ und verortet diesen an der Schnittstelle von Kunst und Sozialarbeit. In Abgrenzung zur „Interdisziplinarität“, die zwischen den Disziplinen oszilliert, stellt Transdisziplinarität in einem positiv konnotierten Dilettantismus die Anforderung, die eigene Disziplin zu verlassen. Das neue Format der Kunst an der Schnittstelle zur Sozialarbeit stellt uns vor neue Herausforderungen. Im Workshop werden folgende Fragen kontrovers diskutiert: Ist Kunst, die nicht mehr als Kunst wahrgenommen wird, Kunst? Ist dieses neue Kunst-Format an der Schnittstelle zur Sozialarbeit eines, das besser von Pädagog/innen ausgeführt werden kann? Kunst an der Schnittstelle zur Sozialarbeit knüpft an die Gemeinwohldebatte an. Es ist eine neue emanzipierte Bürgerschaft auszumachen, die gemeinwohlorientiert sei. Diese zeigt sich in sozialen Experimenten und Modellen sozialer Utopien wie etwas der Commons-Bewegung, dem Urban Gardening, der Low-Tech-Bewegung oder der Share Economy. Hier stellt sich die Frage, wie deren Aktivitäten mit Institutionen zu verknüpfen sind, die Macht und Geld haben. Frau Ziemer zielt hier besonders auf die Zusammenarbeit mit Stadtentwicklungsbehörden ab. Der Kunstbegriff verändere sich seit den 60er Jahren (insbesondere durch die Performancekunst). An der Schnittstelle zum Urbanen, zum Sozialen oder zur Bildung entsteht nun ein Kunstbegriff aus der Neufiguration sozialer Praktiken. Dabei ist es fruchtbar Stadtentwicklung und Planungstheorie einzubeziehen. Gesa Ziemer stellt ein Beispiel künstlerischer Arbeit an der Schnittstelle zur Sozialarbeit zur Diskussion: Schwarzbank: „Kohle für alle! Ein Projekt der Geheimagentur“ (Oberhausen, 2012). In Kooperation mit dem Theater Oberhausen führte die Geheimagentur (Open-source-Label) in Oberhausen für zwei Monate Kohle als alternative Währung in Oberhausen ein. Überdies wird das Projekt „Breaking New“ von Anna Witt und Uglycut (Schweden) angeführt, das im Rahmen von Urbane Künste Ruhr stattfand: In einer von Uglycut gestalteten Werkstatt wurde gebrauchtes Mobiliar von Personen mit handwerklicher Expertise repariert oder auch neu zusammengebaut. In der Diskussion wird der unterschiedliche Habitus der beteiligten Personen an einer solchen Kunstform an der Schnittstelle zur Sozialarbeit betont („man spricht unterschiedliche Sprachen“) und die Notwendigkeit einer guten Moderation solcher Prozesse herausgestellt. Die beschriebenen Kunstgenres sollten nicht nur aus den schmalen Budgets für Kunstproduktionen finanziert werden, sondern auch stadtplanerische Institutionen in die Pflicht nehmen. Diskutiert wird auch die Frage der Funktion von Kunst. Problematisiert wird, dass diese Kunstform an der Schnittstelle zur Sozialarbeit nicht mehr ihre Funktion als kritische Instanz wahrnimmt, ideologisch ist und Kunst in ihrem Zweck der Sozialarbeit sowie stadtplanerisch instrumentalisiert wird. Wird hier der Freiraum der Kunst aufgegeben? Es wird angeboten, diese Kunstform an der Schnittfläche zur Sozialarbeit nicht als Kunst, sondern als Kulturarbeit zu denken, zum Beispiel mit dem Begriff „participative Culturework“ zu bezeichnen.
ThinkThank Transit | Schader-Forum Darmstadt | 28. September 2016

Nach Phänomen Expressionismus und Impuls Romantik  hat der Kulturfonds Frankfurt RheinMain den Begriff Transit als Schwerpunkt-Thema für die Jahre 2015-2018 gesetzt. Ausgehend von Frankfurt und dem Rhein-Main-Gebiet als Transit-Region, umspannt der Terminus in seiner künstlerischen Umsetzung eine Vielzahl von Disziplinen: Er hat mindestens eine kulturgeografische, migrationspolitische, metaphysische, kunstästhetische, religionsphilosophische, medientheoretische und bildungssoziologische Dimension. In Workshops mit Kulturschaffenden der Region und externen Experten, die an der Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis tätig sind, hat der Kulturfonds 2014 die Disziplinen zu Unterthemen unter dem Dach von Transit zusammengefasst: Wechselwirkungen zwischen Region und Welt; analog – digital, high – low; inter- und transmediale Konstellationen und Transversale Raumkonzepte – vom urbanen/regionalen zum künstlerischen Raum.

In spartenbezogenen ThinkTanks für Kulturschaffende der Region sollen nun Fragestellungen in den Fokus rücken, die für Institutionen im Rhein-Main-Gebiet von besonderer Bedeutung sind. Experten von außen geben kreativen Input; alle eingeladenen Gäste sind nicht nur ausgewiesene Fachleute auf ihrem Gebiet, sondern auch selbst als Veranstalterinnen und Veranstalter in den Bereichen Literatur, Musik, Theater, Performance/ Tanz oder Museum tätig. Die beiden Diskussionsrunden am Nachmittag über Stadtkultur und Regionalkultur und Interkulturelle Vermittlung gehen mit gesellschaftlich relevanten Aspekten eher von einer übergreifenden Themenstellung aus und bringen auch dazu Perspektiven von außen ein. Lars Wilhelmer, Autor des Buchs Transit-Orte in der Literatur, wird als Impulsgeber für den Nachmittag fungieren. Der ThinkTank bietet damit eine Austauschplattform für Kolleginnen und Kollegen, die sich in ihrer täglichen Arbeit mit spartenspezifischen Überlegungen ebenso befassen wie mit interdisziplinären und gesellschaftspolitischen Ansätzen.

Die Schader-Stiftung und der Kulturfonds Frankfurt RheinMain veranstalten den ThinkTank gemeinsam. Unter dem Dach des Themenschwerpunkts Transit hat der Kulturfonds bereits 49 Projekte mit einem Gesamtvolumen von 4,5 Mio. Euro gefördert. Mit den beiden DIALOGE-Ausstellungen Transit: Orte – Rebecca Wilton und Florian Albrecht-Schoeck (2015/16) und Transit: Ströme – Larissa Fassler und Mirko Martin (2016) hat die Schader-Stiftung das Thema aufgegriffen und im einen Fall Transit-Orte gezeigt, die zu Nicht-Orten geworden sind, im anderen die stadtgeografischen Auswirkungen von Menschenströmen visualisiert.

ThinkTank Transit stellt Raum und Zeit für den Transit von Ideen, Informationen, Kontakten zur Verfügung und dient gleichzeitig dazu, einen Zwischenstand für den Themenschwerpunkt zu formulieren. Die Ergebnisse der Tagesveranstaltung werden dokumentiert und öffentlich zugänglich gemacht.Weitere Informationen zur Tagung finden Sie unter: https://www.schader-stiftung.de/ThinkTankTransit/